Deutsche Schriftsteller in Brasilien

 

 

Taschenbuch:

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Es war einer jener Tage, die sich ein Mann in seinem Alter einfach nicht vorstellen konnte. Da stand der Umzugswagen mitsamt seinem Wohnungsinhalt – oder was davon übrig geblieben war - vor der Garage seiner Mutter und er hatte nicht einmal das Geld, die Umzugsleute zu bezahlen.
Gescheitert! Die Beziehung im Eimer, das Konto leergesoffen, Mietrückstände, die Firma pleite. Und was ihm die Schamesröte ins Gesicht trieb, er musste bei seiner Mutter um Aufnahme bitten, die ihn mit den liebenswürdigen Worten:
„Das habe ich Dir ja gleich gesagt. Hättest Du damals nur auf mich gehört. Aber nein, der Herr hat ja seinen eigenen Kopf. Da siehst Du, was Du jetzt davon hast. Und ich muss das auch noch bezahlen.“
Genau das hatte er jetzt gebraucht. Er nahm schweigend den Scheck entgegen und gab ihn an die Umzugsleute weiter. Erst dann waren sie bereit, auszuladen. Die mussten da ihre Erfahrungen haben. Seine Mutter war eine Meisterin darin, ihn bloßzustellen.
Wie gesagt, es gibt solche Tage, sie kommen mit auswegloser Sicherheit auf einen zu, man kann ihnen nicht mehr ausweichen und trotzdem verdrängt man sie aus seiner Realität, bis sie über Nacht einfach beginnen und man nicht mehr ausweichen kann.
Es hatte an Vorzeichen nicht gemangelt, auch wenn er den Auslöser nicht mehr ausmachen konnte. Er wurde unzuverlässig, die Auftraggeber wurden ungehalten, das Arbeitsergebnis ließ zu wünschen übrig, der Frust wurde Zuhause abgeladen? Oder war es eher so, weil die Stimmung in seiner Beziehung nicht mehr gut war, wurde er im Job unzuverlässig, weil er mit seinen Gedanken ständig woanders war? Kann eine Beziehung schon nach drei Jahren so in die Brüche gehen, dass es keine Rettung mehr gibt?
Aber sicher! Vor allem, wenn nur einer der beiden noch an der Beziehung interessiert ist und der andere sich längst anderweitig umgeschaut hat. Seine Angelika war nun mit einem Abenteurer auf dessen Gaffelschoner auf einem der sieben Weltmeere unterwegs. Sie hatte einfach das Engagement am Theater, die eigene Ballettschule, alle Verpflichtungen sausen lassen und eben mal die Beziehung mit ihm für beendet erklärt – an seinem Geburtstag. Nächsten Tag war sie weg.
Innerhalb der darauf folgenden nächsten sechs Monate erledigte er dann den Rest – mit dem bekannten Ergebnis. Er sah dem abfahrenden Umzugswagen nach, verschloss die Garage, setzte sich auf eine Bank, stürzte sich in sein Selbstmitleid. So viel Bier konnte es gar nicht geben, um diesen schwarzen Tag zu vergessen, daher versuchte er es gar nicht erst. Schlimmer konnte es nicht mehr kommen.
Er schlenderte vom Garagenhof vor zum Haupteingang des Wohnkomplexes und musste dabei über einen Besucherparkplatz gehen. Aus den Augenwinkeln sah er einen grünen Wagen auf sich zu rauschen, aber er hatte keine Zeit mehr zu reagieren. Es gab einen Schlag, und dann lag er auf dem Boden. Benommen sah er, wie die Tür der Fahrerseite aufging, eine kaffeebraune Schönheit mit einem Pferdeschwanz aus langem schwarzem Haar stieg aus, stürzte nach vorne und beugte sich über ihn. Ihr Parfum raubte ihm die Sinne.
„Oh mein Gott, sind Sie verletzt? Wie konnte das nur passieren. Einen Moment nicht aufgepasst. Ausgerechnet heute muss ich meine Mutter früher abholen …“ Ein Redeschwall, der sich kaum stoppen ließ.
„Sie sind der erste vernünftige Mensch, den ich heute sehe“, sagte er und wurde mit dem Kopf auf ihrem Schoß liegend bewusstlos.
Die Fahrt ins Unfallkrankenhaus bekam er nicht mit, aber als er auf der kalten Untersuchungsliege in der Notaufnahme lag, kam er wieder zu sich.
„Wie viele Finger sehen Sie“, wollte jemand wissen. Er schaute auf eine Hand, von der zwei Finger abgespreizt waren.
„Fünf“, antwortete er.
„Sie hatten einen Unfall, eine junge Dame hat Sie angefahren, sie sitzt draußen und scheint sehr besorgt.“
Er erinnerte sich schlagartig, und sein Herz begann, ein paar Takte schneller zu schlagen.
„Sie … sie ist noch da?“
„Sagte ich doch. So lassen Sie mich mal sehen. Tut das weh? Nein? Und hier? ...“
Er ließ die Untersuchung über sich ergehen. Ergebnis eine leichte Gehirnerschütterung, Rippenprellung, aber nichts gebrochen, keine inneren Verletzungen.
„Sie haben noch einmal Glück gehabt, meinte der Arzt, „ich gebe Ihnen noch etwas für die Kopfschmerzen, die können zwei, drei Tage anhalten. Ansonsten, wenn Sie sich besser fühlen, können Sie nach Hause. Die Schwester erledigt eben noch den Papierkram wegen der Versicherung und dann steht einem neuen Start nichts im Wege.“
‚Neuer Start‘ das Wort gefiel ihm.
Als er aus der Notaufnahme raus kam, saß sie tatsächlich auf einem der unbequemen Wartestühle und kam gleich auf ihn zu. Sie war groß, vollbusig, kein Hungerhaken, aber auch nicht üppig. Vollschlank würde wohl die richtige Bezeichnung sein.
„So, Sie wollten mich heute also in den Himmel befördern“, sprach er sie scherzend an, „wussten Sie denn nicht, dass hässliche Vasen nie kaputt gehen?“
„Wie heißen Sie eigentlich? Schließlich will man ja zumindest den Namen seiner Opfer kennen.“ fragte sie darauf.
„Oh, ich bin Alex Malther, und warum wollten Sie mich nun abschießen?“
„Constancia – und ich wollte Sie nicht abschießen, über den Haufen fahren oder gar ins Jenseits befördern. Aber wissen Sie, es gibt so Tage, die streicht man besser komplett vom Kalender.“
„Wem sagen Sie das, aber erzählen Sie.“
Er hing an ihren Lippen, während sie ihm ihre Geschichte erzählte. Es war wirklich unglaublich, was an einem Tag im Berufsalltag einer Stewardess alles schief gehen konnte. Aber es war nicht so sehr, was sie erzählte, sondern wie sich ihre Lippen um jeden Vokal herum zu bewegen schienen.
Mitten ihre Erzählung platzte es aus ihm heraus:
„Ich habe noch nie eine so schöne Frau wie Sie gesehen.“
„In meinem Land gibt es viele Frauen, wie mich.“
„Woher kommen Sie denn, Constancia?“ Das erste Mal, dass er versuchte, ihren Namen auszusprechen.
„Aus Panamá – Sie wissen schon, das Land mit dem Kanal und so.“
„Sie sind eine Latina!“
„Kluger Junge“ sie lächelte das erste Mal und das schien wirklich unbeschwert.
„Meine Großmutter kommt aus Brasilien und wir haben oft über der großen Landkarte gehangen und uns Brasilien angeschaut, dabei sind mir auch die Länder Zentralamerikas aufgefallen. Panama ist im Vergleich zu Brasilien wirklich klein. Wie viele Einwohner hat das Land eigentlich?“
„Etwas über 3 Millionen Menschen, das Land ist so klein, jeder kennt fast jeden dort. So, Sie wollen mir also weismachen, dass auch in Ihnen ein ganz klein wenig Latinoblut fließt?“
„So habe ich das noch nie gesehen.“
Sie waren während der Unterhaltung aus dem Krankenhaus rausgegangen, und ohne dass Alex es beachtet hatte, standen sie vor dem grünen Wagen, der ihm heute schon einmal begegnet war.
„Haben Sie Angst, Alex? Ich verspreche, ich fahre ganz vorsichtig und außerdem ist die Zahl meiner Tötungsversuche für heute schon erfüllt.“
Sie hatte einen schwarzen Humor, er mochte das und stieg ein. Kurz vor dem Dunkelwerden landeten sie wieder auf dem Parkplatz vor dem Wohnkomplex.
„Meine Mutter wohnt im 14. Stockwerk“, sagte Constancia.
„Meine im 17“, antwortete Alex und machte sich daran, auszusteigen. Sie schloss den Wagen ab und auf dem Weg zum Fahrstuhl enthob sie ihn der quälenden Frage, ob man sich wiedersähe, sie sagte einfach:
„Morgen komme ich schauen, ob es Ihnen nach dem Unfall mit mir besser geht. Ich habe nämlich meinen freien Tag.
„Ich habe morgen auch nichts Besseres vor, als Sie wiederzusehen – so knapp dem Tode entronnen.“
Sie fuhren schweigend hoch, ein letzter Blick, dann stieg sie aus, als er vor der Tür seiner Mutter stand, war diese nicht da. Einen Schlüssel hatte er keinen. Es machte auch sonst niemand auf.
‚Was soll‘s‘, dachte er und setzte sich auf den Boden, lehnte sich an die Tür und wäre fast eingeschlafen.
„Wie siehst Du denn aus?“ Seine Mutter stand vor ihm, adrett gekleidet, wie es sich für eine Geschäftsfrau gehört, im dunklen Kostüm, die Handtasche über den Arm gestreift, in einer Hand eine Akte, in der anderen ein Diktiergerät, welches jetzt in der Handtasche verschwand, die freie Hand kam mit dem Schlüssel wieder zum Vorschein.
Alex erhob sich, noch leicht benommen von der Gehirnerschütterung.
„Auch noch betrunken?“
„Ach Mutter“, sagte er nur und trat hinter der großen Dame ein.

 

Index

Kapitel Nr. 1 – Es gibt so Tage …                                                              
Kapitel Nr. 2 – Neue Liebe, neuer Schwung                       
Kapitel Nr. 3 – Phönix aus der Asche                                     
Kapitel Nr. 4 – Ateliers am Hafen                                            
Kapitel Nr. 5 – Der Banktermin                                                
Kapitel Nr. 6 – Constancia der Familienmensch                
Kapitel Nr. 7 – Was zusammengehört                                  
Kapitel Nr. 8 – Der Auftrag                                                        
Kapitel Nr. 9 – Sails Auberginen                                              
Kapitel Nr. 10 – Termin bei Strauber                                                
Kapitel Nr. 11 – Sicht bis zum Anschlag                                
Kapitel Nr. 12 – Die erste Nacht                                              
Kapitel Nr. 13 – Die Fabrikruine                                               
Kapitel Nr. 14 – Schlachtplan                                                    
Kapitel Nr. 15 – Die Stapler kommen                                    
Kapitel Nr. 16 – Latina Night                                                     
Kapitel Nr. 17 – Der Fund                                                           
Kapitel Nr. 18 – Wiedersehen der Liebenden                    
Kapitel Nr. 19 – Die Kisten                                                         
Kapitel Nr. 20 – Holland für Verliebte                                   
Kapitel Nr. 21 – Nachrichten von Strauber                          
Kapitel Nr. 22 – Das erste Loft                                                  
Kapitel Nr. 23 – Der Bazar                                                          
Kapitel Nr. 24 – „Schäng nom Ömzog“                                 
Kapitel Nr. 25 – Das Abendessen                                            
Kapitel Nr. 26 – Der große Fototermin                                 
Kapitel Nr. 27 – Der langersehnte Umzug                           
Kapitel Nr. 28 – Die Merx Gemälde                                       
Kapitel Nr. 29 – Straubers Plan                                                
Kapitel Nr. 30 – Überraschender Besuch                             

Kapitel Nr. 31 – Die Liebenden