Deutsche Schriftsteller in Brasilien

 

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Annegret erlebte die ersten achtzehn Jahre ihres Lebens in einem kleinen Dorf im Westerwald. Dorf war eigentlich schon zu viel gesagt, es war eher ein Weiler mit gerade einmal neun Häusern, einem Teich, ein paar Scheunen, umgeben von Ackerland.
Hier gab es keine Schule, keinen Laden, keinen Bäcker, keine Kirche, nicht einmal eine Kneipe. Für alles musste man ins nächste Dorf gehen oder fahren.
Annegret war von klein auf eingespannt in die Hofarbeit, sie kannte nichts anderes. Seit sieben Generationen lebte die Familie schon auf dem eigenen Hof und bewirtschaftete ihn. Schon mit zehn Jahren konnte sie eine Handvoll Erde vom Acker aufnehmen und die Qualität der Ackerkrume erschnuppern. Sie hatte es vom Vater gelernt, einem stillen, schweigsamen, bedächtig daher schreitenden Mann, der mit seinem Land verwachsen schien.
Hier in Knippgierscheid war das einundzwanzigste Jahrhundert noch lange nicht angekommen. Eher lebte man noch wie im Mittelalter. Man stand früh auf und ging früh schlafen. Auch wenn es längst elektrisches Licht gab, in so mancher Wohnküche brannte des Abends immer noch eine mit Lampenöl bestückte Kupferlampe.
Fremde kamen kaum her, manchmal verirrten sich Spaziergänger, die Feld- und Gartenerzeugnisse boten die Bauern auf den umliegenden Märkten selbst an. Es war schon ein Ereignis, wenn im Frühjahr der LKW mit der Saat und Düngermitteln vorfuhr. Ach so ... und der Molkereiwagen kam zweimal in der Woche, die Milch abzuholen. Vier Gehöfte hatten immer noch ein paar Kühe. Aber es war nur eine Frage der Zeit, bis man auch hier einsehen würde, dass sich der Aufwand nicht mehr lohnte. Man konnte mit ein paar Raummetern Kaminholz mehr Geld verdienen und leichter dazu, also mit zehn Milchkühen.
Es gab zweimal im Jahr im nahen Dorf Uckerath eine Kirmes, aber je nachdem, wie es um die Hofarbeit stand, kam Annegret nicht einmal zu dem Vergnügen. Dann gab es Bunte Abende mit einem im Nachbardorf probenden Männergesangsverein.
In der guten Stube stand ein alter Fernseher, aber meistens blieb das Gerät ausgeschaltet. Zur besten Sendezeit waren die Bauersleute längst im Bett. Wenn sie um vier aufstanden, lief in der Küche ein Kofferradio, man hörte die Nachrichten von Orten, deren Ländernamen man kaum kannte, geschweige eine Idee hatte, wie weit die Orte vom eigenen Standpunkt entfernt waren. Es war die Welt da draußen, die nie den Versuch machte, hier einmal einzudringen.
Annegret hatte natürlich gehört, dass es so etwas wie das Internet gab, aber hier auf dem Weiler war man schon froh, wenn man einen Radiosender empfangen konnte. Telefon hatte nur der Hof von Schmitz. Wen sollte man auch anrufen, wenn man sich ohnehin täglich sah.
Die Schmitzens hatten in den letzten zwei Jahren auf dem Hof einen Anbau hochgezogen. Es sollte der Altensitz werden, wenn der Sohn mit der Familie den Hof und die Bewirtschaftung übernahm. Aber noch dachte der Bauer nicht daran, sich aufs Altenteil zurückzuziehen. So stand der schöne Neubau eine Zeit lang leer, bis die Idee aufkam, ihn zu vermieten, dann käme zumindest noch etwas Geld extra herein. Eine Anzeige war schnell geschaltet, aber es fanden sich kaum Interessenten, die so weit ab vom Schuss leben wollten. Den Städtern behagte der Geruch der frischen Landluft nicht, andere bemängelten die unmittelbare Nähe zum Haupthaus, welches nur durch eine Tür am Ende eines kurzen blinden Flures abgetrennt war.
Die Schmitzens wollten in dem kleinen Anbau auch keine große Familie, geschweige denn Haustiere. Am liebsten wäre ihnen ein Junggeselle gewesen, der morgens früh geht, abends spät kommt und ansonsten pünktlich seine Miete in bar auf den Küchentisch des Hauses legte und nicht auffiel. Jemand der durch Abwesenheit glänzte und den Hofalltag nicht durcheinanderbrachte. Fern jeder Realität wartete man sozusagen auf eine Eier legende Woll-Milch-Sau.
Nun war die Anzeige schon sechs Wochen hintereinander erschienen, und noch immer war der richtige Mieter nicht gefunden.
An einem Samstagvormittag – Annegret kam gerade aus Uckerath zurück. Sie hatte das Fahrrad genommen, um der Mutter etwas aus der Metzgerei zu besorgen – stand vor dem Haus Schmitz ein schwarzer Geländewagen, den sie noch nie im Dorf gesehen hatte.
Was Annegret zu diesem Zeitpunkt nicht wissen konnte, war, dass Eheleute Schmitz scheinbar nun doch den richtigen Mieter gefunden hatten. Und dieser Mieter, wenn er auch nur für kurze Zeit im Weiler zu Gast bleiben sollte, wird später dafür verantwortlich sein, dass in ihrem Leben kein Stein mehr auf dem andern blieb.
„Hast Du den Wagen mit dem fremden Kennzeichen gesehen?“, fragte ihre Mutter, als Annegret von den Besorgungen zurück, in die geräumige Wohnküche trat.
„Ein Geländewagen von Nissan“, stellte Annegret sachkundig fest.
„Der steht da schon eine ganze Weile.“
„Ach ja?“, Annegret wurde von der Neugier ihrer Mutter angesteckt: „Meinst Du, die Schmitz haben endlich den Mieter gefunden? Wer auch immer es ist, er tut mir jetzt schon leid“.
„Wir werden es bald wissen, ich muss der Schmitz nachher noch Wolle vorbeibringen, dann werde ich es wohl erfahren“.
Annegret ging bald wieder ihren Beschäftigungen nach. In den folgenden Tagen sah man den schwarzen Nissan öfter in Knippgierscheid, aber er blieb nicht vor Schmitz Haus stehen, sondern fuhr auf den Hof, um dort mehrere Stunden zu parken. Der neue Mieter hatte laut Vertrag übernommen, das Haus zu tapezieren und in den oberen Schlafräumen nach seinem Geschmack Teppichböden zu verlegen. Das alles sollte logischerweise vor dem Einzug geschehen.
Irgendwann kam dann ein Möbelwagen, auch der fuhr auf den Hof und von der Straße konnte man nichts erkennen. Bald brannten abends im Altenteil die Lichter, der neue Mieter war eingezogen, ohne dass Annegret ihn je zu Gesicht bekommen hätte. Aber wer bei einbrechender Dunkelheit noch einmal die einzige Straße des Weilers entlangging, konnte undeutlich das Klappern einer elektrischen Schreibmaschine hören.

 

Index

Widmung                                                                                                          
Kapitel Nr. 1 – Knippgierscheid                                                              
Kapitel Nr. 2 – Der Mieter                                                                        
Kapitel Nr. 3 – Der Umzug                                                                        
Kapitel Nr. 4 – Die Panne                                                                           
Kapitel Nr. 5 – Winter in Knippgierscheid                                            
Kapitel Nr. 6 – Abschied von Knippgierscheid                                    
Kapitel Nr. 7 – Eroberung von Königswinter                                       
Kapitel Nr. 8 – Lesung in Königswinter                                                 
Kapitel Nr. 9 – Gewappnet für die Welt da draußen                       
Kapitel Nr. 10 – Zwei Ideen gleichzeitig                                            
Kapitel Nr. 11 – Der Probelauf                                                             
Kapitel Nr. 12– Die Szenekneipen der Landeshauptstadt           
Kapitel Nr. 13 – Elvira lädt zum Gala-Abendessen                       
Kapitel Nr. 14 – Matthieu’s                                                                   
Kapitel Nr. 15 – Die Ausstellungsvorbereitungen                         
Kapitel Nr. 16 – Die Vernissage                                                           
Kapitel Nr. 17 – ‚Tubak‘                                                                          
Kapitel Nr. 18 – Lesung im Matthieu’s                                              
Schlussbemerkung                                                                                    

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